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Mit den Peschmerga in Shingal

Erschienen auf der Flaschenpost.

Kurdin aus Syrien | CC BY NC 2.0 Enno Lenze
Kurdin aus Syrien | CC BY NC 2.0 Enno Lenze

Nachdem ich im vergangenen Sommer die gesamte Front zwischen Peschmerga und ISIS besucht hatte, wollte ich im Januar vor allem nach Shingal. Inzwischen kann man auf dem Landweg bis ans Shingal-Gebirge und ich wollte vor Ort von den Jesiden erfahren, wie die letzten Monate verlaufen waren. Ich reiste zusammen mit dem FDP-Politiker Tobias Huch, welchen ich seit der Schulzeit kenne und welcher zusammen mit dem ortsansässigen Gunter Völker eine Hilfsorganisation gegründet hat.

Unser erstes Ziel war das große Flüchtlingscamp Domiz, welches ich bereits 2013 besuchte.

Wir trafen Hakar Ismail, den Pressesprecher der Barzani Charity Foundation, welche das Camp zusammen mit der UNHCR organisiert. Das Camp hat sich stark verändert. Statt Zelten gibt es fast überall kleine Häuser, etwa wie Schrebergartenlauben. Hier wohnen 75.000 Menschen, es gibt brauchbare medizinische Versorgung, viele kleine Läden und einen großen Supermarkt.

Auf dem Weg durch das Camp sprach uns eine Frau an und lud uns zu sich nach Hause ein. Wir lernten ihre Familie kennen, aber einer fehlte: Einer ihrer Söhne war als regime-kritischer Journalist in Syrien gewesen. Er wurde vom Regime ermordet. Seine Mutter erlitt über dem Schock einen Herzinfarkt und beschloss, mit dem Rest der Familie zu fliehen. Sie wurden auf der Flucht gejagt, sie wurde am Rücken verletzt. Wir lasen ihren medizinischen Bericht, aus dem hervor ging, dass ihr nicht mehr viel Zeit bleibt. Eine von vielen traurigen Geschichten, die man hier hört.

Als wir das Camp verließen, änderte sich der Fokus unseres Interesses plötzlich. Wir waren für zwei Tage mit den Peschmerga unterwegs, um ihren Alltag kennen zu lernen. Ich sprach mit einem Vertreter der kurdischen Regionalregierung, welcher mir von einem bevorstehenden ARD Monitor Bericht erzählte. ARD titelte „Bundeswehr hat keine Kenntnis über den Verbleib der gelieferten Waffen im Nordirak – schwere Vorwürfe gegen Peschmerga-Milizen“ – Diese Headline ist in mehrerlei Hinsicht tendenziös. Zum einen sind die Peschmerga Teil der irakischen Streitkräfte und somit keine „Miliz“, zum anderen klingt es so, als würde die Bundeswehr den Peschmerga „schwere Vorwürfe machen“. Der Kern der Headline ist jedoch, dass unklar ist, wo die Waffen gelandet sind. Auf den ersten Blick kam mir das alles wie Blödsinn vor, also versuchte ich mehr Informationen zu bekommen. Während man aus den Ballungsräumen in Kurdistan LTE gewohnt ist, hatten wir hier kaum mobiles Internet. Wir erklärten den Peschmerga um uns herum das Problem. Diese meinten, sie können uns problemlos deutsche Waffen zeigen. Keine 30 Minuten später hielten wir ein altes G3 Maschinengewehr in der Hand. Ein guter Anfang, aber wir wollten das aktuelle Sturmgewehr G36 und den Raketenwerfer MILAN sehen.

Noch am späten Abend hatten wir per Telefon Kontakt zu einem Artillerie-General, welcher im Bereich Shingal über MILANs verfügt. Er sagte uns auch, dass es eine akurate Liste der Standorte gäbe und verwies uns ans Peschmerga-Ministerium um Details zu erhalten. Dort sagte man uns, dass die Liste natürlich vorläge, diese aber noch nie von Journalisten angefordert wurde – Monitor hatte beim zuständigen Ministerium also nie gefragt. Da man nicht genau wusste, wie man nun mit unserer Anfrage umgehen muss, bot man uns zunächst an, die Liste vor Ort einzusehen. Von Dohuk nach Erbil und zurück waren es nur 350km, bei den Straßen und der Verkehrslage aber etwa ein Tagestrip.

Zusätzlich bot uns Kaka Hama, einer der bekanntesten Peschmerga, an, mit ihm in Kirkuk im Häuserkampf deutsche Waffen im Einsatz zu sehen. Nach einer Rücksprache mit dem Berater für alle Sicherheitsfragen lehnten wir dieses Angebot ab. Ohne eine militärische Ausbildung in der ersten Reihe des Anti-ISIS Kommandos in den Häuserkampf zu gehen ist einfach zu gefährlich.

Wir sahen noch Pistolen von Glock und Walter sowie amerikanische Sturmgewehre M4 und M16 und natürlich jede Menge AK-47 und Dragunov Scharfschützengewehre.

Wir fokussierten uns also auf Shingal und fragten, wie wir nun genau dahin kommen. Die Rückfrage beim Autovermieter, ob Fahrten nach Shingal versichert sind, brachte ein Gemisch aus Gelächter und wilden Drohungen, wenn wir es täten. Wir fragten also weiter und fragten die Regierungspartei PdK. Diese vermittelte uns an den Nachrichtendienst Asayesh. Dieser sollte uns erklären, worauf wir zu achten haben. Der Leiter des Teams war selber mehrfach im Anti-Isis Einsatz und kannte Shingal gut. An sich war es einfach: Wir sollten alle Schutzausrüstung, die wir haben, mitnehmen und sofern verfügbar Waffen führen. Da ich als Journalist akkreditiert war und Tobias Politiker ist, wurde es hier kompliziert. Tobias als Sportschütze wurde mit einer Waffe ausgestattet, ich war als Journalist akkreditiert und konnte somit keine Waffe nehmen. Also bot man uns an, einen kompletten Konvoi zu stellen und uns so den notwendigen Schutz zu bieten. Wir sprachen den gesamten Abend den Ablauf, die Route und die Ziele vor Ort durch. Vor allem wurde uns davon abgeraten auffällige Kleidung zu tragen und keinesfalls die sonst obligatorischen „PRESS“ Schilder, da wir bis ins ISIS Gebiet fahren würden.

Wir gingen also Abends im Hotel die Ausrüstung durch und spielten nochmal die Versorgung von Schussverletzungen mit unseren „Combat 1st Aid“ Kits durch. Das ist der Moment, wo einem klar wird, dass man morgen ins wirkliche Kriegsgebiet fährt. Nach einer kurzen Nacht saßen wir mit der gesamten Ausrüstung im Foyer des Hotels. Für gefährlicher als den Trip nach Shingal hielt man da, dass ich selber in Kurdistan Auto fahre. Das passierte mir häufiger und ich überlegte, ob Shingal vielleicht doch nicht so wild wird. Meine Weste, Helm, Kameras, Objektive und Wasser wiegen zusammen 26kg. Tobias hat eine neuere Weste und keine großen Kameras und kommt mit 22kg aus.

Uns holte ein Konvoi von drei Fahrzeugen ab. Zehn Peschmerga mit zehntausenden Schuss Munition, schweren Kaliber 50 MGs und Panzerfäusten sollten uns im Zweifel schützen. Wir saßen mit dem Teamleiter und einem Sprachmittler im Fahrzeug in der Mitte. Ab der ehemaligen Grenze zwischen Autonomer Region Kurdistan und dem Irak stieß ein weiteres Fahrzeug zu uns. Im Dezember fand dort die größte Anti-ISIS Offensive statt. Ein 3.000km2 großes Gebiet, aus dem die irakische Armee geflohen war, wurde von der ISIS befreit und durch Peschmerga eingenommen. Die kurdische Regionalregierung sagt, dass sie diese, meist kurdisch besiedelten Gebiete, auch nicht mehr her gibt. Wir hatten nur Visa für Kurdistan, keine für den Irak, in den wir nun formal fuhren und auch nicht für Syrien, an dessen Grenze wir uns bewegten. Hier ist es einfach eine große Fläche, es gibt nicht mal einen Grenzzaun. An der Grenze wurden die Vorräte aufgefüllt und uns wurde gesagt, dass wir uns ab hier nur noch mit einem Soldaten an der Seite bewegen dürfen. Dies wurde mir besonders klar als ich mal austreten musste und mich ein Scharfschütze begleitete.

Wir fuhren vorbei an komplett zerstörten Dörfern. Die Häuser sind hier aus Betonplatten gebaut. Die Wände waren weggebombt, die Decke lag fast auf dem Boden auf. Wir sahen Krater in allen möglichen Größen und kamen vorbei an ehemals gepanzerten Humvees, die in Teilen und ausgebrannt rumlagen. Auch Radpanzer standen rum, die zum Teil metergroße Löcher hatten bzw. bei denen einfach ein Teil des Fahrzeugs fehlte.

Als wir am nördlichen Fuß des Shingal Gebirges ankamen, stieß der fünfte Wagen mit einem jedischen Kommando zu uns. Die brachten uns zum Heiligtum der Jesiden, dem Tempel Sherfedin. Wir trafen Kasim Schesho, den „Löwen von Shingal“, welcher einer der wichtigsten Jesiden ist. Auch seine beiden Söhne kämpfen dort. Schesho selbst spricht wenig deutsch, seine Söhne haben bei der Bundeswehr gedient und übersetzte für uns. Unser Besuch war kurz vorher angekündigt worden und man bedankte sich erneut, dass wir bis zu ihnen gekommen sind. Die Leute sind sehr offen und man erfährt alles zu Ihrer Situation, wenn man hier ist. Sie wissen natürlich, dass Shingal ein weltbewegendes Thema ist. Um so überraschender ist, dass sich kaum Medien geschweige denn Politiker hier hin verirren. Man verdient sich damit großen Respekt bei den Leuten und wir sind daher auch von dem wichtigsten Mensch der Region mit offenen Armen empfangen worden. Mit Schesho sitzen wir auf einer Couch in einem rund 100m2 großen Raum, der an einen Gemeinderaum voller Couches erinnert. Es ist kalt und uns wird ein kleiner Heizofen gebracht. Das Leben hier ist so simpel, wie man es kaum glauben mag. Niemand ist abgehoben, Hierarchien gibt es zwar, aber alle sitzen nebeneinander auf der Couch und reden auf Augenhöhe. Geschlafen wird hier auch nebeneinander auf dem Boden.

Auch hier ist von allem eine Grundversorgung da, aber es fehlt trotzdem an allem. Vor allem Öl zum Heizen, Heizungen, Kochgeschirr und einfache Lebensmitteln wie Reis und Mehl. Die Kämpfer haben keine schusssicheren Westen oder Helme. Wir fragten sie, zu welcher Armee sie gehören. Sie sagten uns, sie gehören zur Volksbefreiung Shingals – seien aber jesidische Peschmerga und nicht HPS. Sie erklärten uns die Situation in Shingal am 03.08.2014 verkürzt so: Die ISIS kam mit einer Übermacht an und überrollte die Gegend. Teile der dort stationierten Peschmerga wurden strategisch zurück gezogen, um sich neu zu formieren. Dazu musste man die Leute vor Ort sich selber überlassen, man hatte in dem Moment aber auch keine Chance die ISIS hier zu schlagen. Circa 1.300 Peschmerga blieben vor Ort, weil sie hier Freunde oder Familie hatten. Innerhalb von 2-3 Tagen war die YPG von Syrien gekommen und hatte dieses Macht-Vakuum gefüllt. Sie waren der YPG dafür dankbar, verstehen aber auch das Vorgehen der Peschmerga. Entgegen vieler Berichte, die ich las, haben sie ein gutes Verhältnis zur kurdischen Regionalregierung und zum Präsidenten Barzani. Die Wasserflaschen in Sherfedin kommen von der Barzani Charity Foundation, die Waffen und Munition kamen vom Peschmerga-Ministerium.

Bei Ihnen sehen wir auch die ersten G36 Sturmgewehre aus der aktuellen Bundeswehr Lieferung. Wir wurden eingeladen, den Tempel von innen zu sehen und uns wurde die Geschichte erklärt, wodurch sich die Wichtigkeit für die Religion ergibt. Auch hier gibt man uns viel mit, was wir an Frau Merkel weiter geben sollen. Merkel kennt hier jeder, sie muss direkt erreicht werden. Tobias sieht man als Sprachrohr zu ihr, mich als den, der es für die Welt in Bilder fassen muss. Das ehrt einen sehr, aber es ist auch eine große Last. Wir wollen die Menschen nicht enttäuschen, können aber aber beim nächsten Besuch nicht ohne weiteres Laster voll Hilfsgüter und Waffen mitbringen.

Zunächst fuhren wir entlang der Kampflinie zu einem kleinen Peschmerga-Stützpunkt am östlichen Ende des Gebirges. Hier zeigte man uns die Kaliber 50 MGs aus amerikanischer Produktion sowie aktuelle deutsche Panzerfäuste. Sie sagten, sie wissen wie man damit umgeht und haben uns abgeschossene ISIS Fahrzeuge gezeigt. Wenige Tage bevor sie die Panzerfaust bekamen fuhr hier ein mit Sprengstoff beladener Laster der ISIS auf sie zu. Die ISIS Panzer die Fahrzeuge vorne, so dass man sie nicht mit einem MG abschießen kann. Sie fahren bis in die Stellungen der kurdischen Kämpfer und zünden den Sprengstoff dann. Um dies zu verhindern, fackelte der Leiter der Anti-Terror Einheit nicht lange, sprang in seinen Wagen und rammte das ISIS Fahrzeug. Es explodierte so auf freiem Feld und er bezahlte die Rettung seiner Leute mit dem Leben. Nun können sie solche Angriffe abwehren. Aber es fehlt an Munition, um in Ruhe zu trainieren und die Fähigkeiten zu verbessern. Sie hatten auch G36 und zeigten uns diese. Alles in allem sind sie der Bundesregierung sehr dankbar für die Hilfe und hoffen auf mehr.

Wir fuhren weiter in die Berge des Shingal Gebirges. Das Thermometer fiel auf -3 Grad. Oben auf dem Gebirge gehen die Gipfel rechts und links hoch, während man in der Mitte halbwegs geschützt Camps aufgebaut hat. Wir sprachen hier mit Menschen, die aus dem Teil südlich des Gebirges und dem Ort Shingal geflohen waren. Mit Tränen in den Augen erzählte uns ein alter Mann die Geschichte seines Ortes. Wie die Frauen entführt wurden, Männer abgeschlachtet und sie gerade noch mit ihrem Leben davon kamen. Sie wohnen unter Planen, können Wasser und Reis kochen und haben einen Esel. Das war´s. Es ist bitterkalt und kaum Hilfe in Sicht. Sie fühlen sich nicht im Stich gelassen von ihrem Land, da man da einfach zu viele Menschen zu versorgen hat. Aber sie fühlen sich im Stich gelassen von der Welt, die bei dem Leid einfach zusieht. Wir mussten versprechen unser Bestes zu tun, um ihr Anliegen an Angela Merkel weiter zu geben.

Am Berggipfel sieht man auf den Ort Shingal runter. Man muss 144 Serpentinen fahren, um dort anzukommen. Unser Konvoi fuhr schnell runter, da man auf diesen Straßen gut zu sehen ist und ein gutes Ziel abgibt. Nachdem wir fast unten waren, liefen die Bremsen bei unserem Wagen heiß, man sah deutlich den Rauch aufsteigen. Wir mussten sofort anhalten und an einer ungünstigen Stelle warten. Ein ohrenbetäubender Knall machte klar, dass wir im ISIS Gebiet sind. Nicht weit von uns stieg eine Rauchsäule auf und ein Gebäude knickte ein. In unsere Richtung flogen Granaten. Die Peschmerga bauten sofort die Kaliber 50 MGs auf und brachten einen Panzerfäuste in Stellung, um uns zu sichern. Tobias und ich waren hinter einem Felsbrocken, von dem wir uns einredeten, dass er schon halten wird. Anders als gedacht sahen wir dann auch eine MILAN. Die Rakete flog in Sichtweite vorbei und schlug in einem anderen Teil Shingals ein. Die Einschläge kamen näher und wurden mehr. Das Sicherheitsteam befahl den sofortigen Rückzug. Mit den Geschütztürmen in Richtung Gefecht gedreht und einem Panzerfaust-Schützen auf der Ladefläche fuhren wir zurück auf eine sichere Höhe. Aus ca. einigen hundert Metern Distanz verfolgten wir, ob es ein kleines Scharmützel oder etwas Größeres ist. Wir nutzten die Zeit, um mit dem Team Fotos mit Shingal im Hintergrund und den Worten „Je Suis Charlie“ auf den Bannern zu schießen. Außerdem mussten unsere Bremsen immer noch abkühlen. Über Funk kam die Meldung, dass die Situation in der Stadt unübersichtlich ist und ob wir dennoch zum General und den MILANs wollen. Tobias und ich waren für weiterfahren, denn wir wollten das Bild der MILAN in sicheren Händen haben. Alle anderen waren dagegen. Die Situation ist verfahren: Noch nie war ein westlicher Poliker so weit gegangen und man will uns nicht bevormunden. Auf der anderen Seite darf uns auf keinen Fall etwas passieren. Die Entscheidung liegt in unseren Händen. Wenn jemand im Sicherheitsteam stirbt, weil er uns geschützt hat, wird einen das ewig verfolgen. Nach einigem Beratschlagen entscheiden wir uns abzubrechen. Wenn die kriegserfahrenen Peschmerga das Risiko für zu hoch halten, werden sie einfach Recht haben.

Hier entstand auch das Video, in dem Tobias das “Interview” an die ISIS auf eine Granate schreibt. Er stellte nur eine symbolische Frage, ob die ISIS meint mit ihrem Handeln den Islam zu repräsentieren und ob die dieses Handeln für richtig hält. Es diente dazu, Solidarität mit den Soldaten vor Ort zu zeigen und diese weiter zu motivieren. In Deutschland polarisiert das Video, was verständlich ist. Wenn man das Glück hat in einem so behüteten Land wie Deutschland aufzuwachsen, dann kann man solche Dynamiken nicht immer nachvollziehen. In Kurdistan war dies ein wichtiges Symbol, was sehr gut bei den Menschen ankam.

Wir fuhren also zurück hinter die Kuppe des Berges und redeten mit Flüchtlingen und warteten, ob die Situation im Ort Shingal besser wird. Am späten Nachmittag mussten wir, ohne bis an die MILANs in Shingal gekommen zu sein, zurück.

Die Straße Richtung Dohuk ist kaum befahren, aber durch die Gefechte im schlechten Zustand. Ich saß mit meiner Weste ziemlich gerade und festgeschnallt auf meinem Sitz und schlief immer wieder ein. Ich mache in Deutschland einen lockeren Büro-Job und bin solche Anstrengungen nicht gewohnt. Dann wachte ich vom Aufheulen des Motors auf. Wie in Zeitlupe flogen zwei Maschinengewehre, Magazine, eine 16 kg schwere schusssichere Weste und ein Helm durch den Wagen. Der ganze Pickup war in der Luft, der Motor heulte. Sekundenbruchteile später schlugen wir mit 170km/h auf der Straße auf. Alles, was gerade noch an mir vorbei schwebte, schlug auf den Boden. Tobias wurde durch seine Weste sowie ein vorbei fliegendes M4-Sturmgewehr an Kopf und Bein verletzt. Ich blieb unverletzt. Wir hielten an, um Ursache und Schaden zu begutachten. Im Dunkeln wollte das eigentlich niemand, aber dem Geräusch nach war gerade der Wagen in der Mitte durchgebrochen. Ein Peschmerga hatte sich beim Flug durch das Auto das Bein verletzt, welches ich erstversorgte. Warum auch immer hatte der Wagen keinen sichtbaren Schaden, zumindest soweit wir es ohne Licht erkennen konnten.Wir konnten weit nach Syrien rein gucken, auf der anderen Seite Kurdistan-Irak. Etwa zwei Autostunden lang wohnt in diesem Trümmerfeld keine Menschenseele mehr.

Wir fuhren sofort zügig weiter und erreichten spät abends Dohuk. Dort stand mein Wagen, mit dem wir noch gut drei Stunden bis Erbil vor uns hatten. Wir telefonierten nochmal mit dem Ministerium und baten um eine geschwärzte Liste der MILAN Standorte. Man sagte uns, dass man das weiter prüft und uns auf dem Laufenden hält. Am nächsten Morgen flogen wir nach Deutschland zurück.

Ich fragte bei Monitor an, wie es zu dieser Headline und dem Bericht kam. Ich erklärte, dass mir sofort die Liste zur Einsicht angeboten wurde und ich den Bericht somit nicht nachvollziehen kann. Die überraschende Antwort „Ob es im Peschmerga-Ministerium die von ihnen genannte Liste gibt, und ob diese tatsächlich den Verbleib aller deutschen Waffen lückenlos dokumentiert, war nicht Gegenstand des Films“ – Das dürften die Zuschauer anders verstanden haben. Anschließend telefonierte ich mit Hauptmann Andre Benker, dem Pressesprecher der Bundeswehr. Er sagte mir ebenfalls, dass die Bundeswehr im engen Kontakt mit dem Peschmerga-Ministerium stehe und für die Bundeswehr der Verbleib der Waffen gut nachvollziehbar sei.

Es folgte noch eine kurze Medien-Posse: Ich bin seit Jahren in der Region unterwegs und Tobias hat mit seiner Hilfsorganisation über eine Million Flaschen Wasser an Hilfsbedürftige gebracht. Jedoch fand nur das 43-sekündige Video, in welchem er das „Interview“ an die ISIS schreibt, große Beachtung. Ich sah das Video und Screenshots daraus im Fernsehen und bei allen großen Online-Medien. Rund zwanzig Zeitungen berichteten. Nur selten wurde der Kontext oder die humanitäre Hilfe erwähnt. Besonders überrascht war ich jedoch, da ich das Material nie unter einer freien Lizenz veröffentlicht hatte und auch nie eine Lizenz von irgendwem angefragt worden war. Auch wurde ich nicht als Urheber genannt. Oft war die Quelle „Internet“. Ich fragte die Redaktionen an, ob ich das Material bei ihnen kaufen könnte. Ein großes Medium bot es mit für einen vierstelligen Betrag an, alle anderen antworteten nicht. Ich bloggte umfangreich über diese Sache. Einige „Social Media Manager“ der großen Medien meldeten sich daraufhin und erklärten umfangreich, warum diese Art der Nutzung durch sie zulässig ist. Andere erklärten mir eine Lizenz erworben zu haben. Soviel piratiges Verständnis vom Urheberrecht hätte ich den großen Medien gar nicht zugetraut.

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