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Bundeswehrwerbung an Schulen

Beitrag erschienen auf der Bundes-Website.

»Wir dienen Deutschland« heißt die neue Werbekampagne der Bundeswehr, mit der Jugendliche begeistert werden sollen.

Stimmungsvolle Monumentalmusik, beeindruckende Bilder von Sport, Abenteuer, Gemeinschaft und immer wieder Waffen. Wer glaubt, intelligente Jugendliche könnten dem Aktionverschnitt locker widerstehen, irrt. Der Spot kommt gut an. Eine Abiturklasse aus Schleswig-Holstein erklärt auf die Nachfrage des Jugendoffiziers hin, der Clip sei ansprechend, eine passende Werbung für Jugendliche, man hätte viel Spaß bei der Bundeswehr. Kritik: keine.

Auslandseinsätze sind kein Thema – Karrieren bei der Bundeswehr schon. Ist es moralisch vertretbar, Schülerinnen und Schülern den Einsatz bei der Bundeswehr als Spiel, Spaß und Abenteuerurlaub zu verkaufen? Werden so nicht falsche Erwartungen geweckt und Gefahren ausgeblendet?
Das Thema »Bundeswehr wirbt an Schulen« wird seit zwei Jahren zunehmend kontrovers diskutiert. Seit der Grundwehrdienst abgeschafft wurde, muss sich die Bundeswehr ihren Nachwuchs aktiv umwerben. Schulen sind eine beliebte Anlaufstelle. Demzufolge bietet die Bundeswehr über ihre Jugendoffiziere gerne an, Schülerinnen und Schüler über aktuelle Fragen der Sicherheitspolitik zu informieren. Ob solche Veranstaltungen neutral sein können oder nur die Sichtweise der Bundeswehrsoldaten widerspiegeln, ist eine der offenen Fragen, die zu Problemen führen. Unentgeltlich bietet die Bundeswehr Berlinreisen für Schulklassen an, die Busfahrt und das Mittagessen sind umsonst. Solche Angebote stellen große Versuchungen für Lehrkräfte dar. Sie möchten ihrer Klasse in Zeiten knapper Kassen der Eltern etwas bieten. Kann man da nicht über die eine oder andere tendenziöse Darstellung hinwegsehen?

In acht Bundesländern existieren Kooperationsverträge mit den Landesregierungen

In acht Bundesländern haben die Landesregierungen Kooperationsvereinbarungen mit der Bundeswehr beschlossen. Dabei wird der Standpunkt der Bundeswehr vertreten, Vertreter der Friedensbewegung oder anderer Organisationen erhalten nicht dieselbe Chance, ihre Positionen darzulegen, betonen Kritiker. Aber selbst wenn diese Möglichkeit gegeben wäre, fehlt ihnen das Personal dazu. Die Problematik, dass die Jugendoffiziere ihrerseits von solchen Werbeveranstaltungen Informationen und auch Adressen mitnehmen und minderjährige Schülerinnen und Schüler angeschrieben werden, bleibt ebenfalls gerne unerwähnt.

Die Werbemaßnahmen kommen anscheinend gut an: Am 26. Januar 2015 konnte Ursula von der Leyen in der Tagesschau stolz verkünden, dass 11.000 freiwillig Wehrdienstleistende geworben werden konnten. Dies sei der höchste Stand seit Jahren.

Kinderschutzverbände und die UN kritisieren die Anwerbungspraxis

Kritik an der Werbungspraxis der Bundeswehr kam von Kinderschutzbünden, aber auch von der UNO. 2012 wurden in Deutschland nämlich 1216 Siebzehnjährige als Wehrdienstleistende und Soldaten auf Zeit eingestellt und ausgebildet. Der UN-Ausschuss für die Rechte des Kindes hat die Bundesregierung deshalb im letzten Jahr aufgefordert, die Bundeswehrwerbung bei Minderjährigen zu unterbinden. Besonders die Auftritte von Soldaten an Schulen seien nicht mit der von Deutschland unterzeichneten UN-Kinderrechtskonvention vereinbar, genauso wenig wie die Anwerbung Minderjähriger.

Bereits Anfang 2014 machte »Die Linke« durch eine kleine Anfrage auf diesen Missstand aufmerksam: Einerseits erarbeitet Deutschland das Fakultativprotokoll gegen Kindersoldaten und ratifiziert es, anderseits nimmt Deutschland für sich die Ausnahme in Anspruch, selbst Minderjährige zu rekrutieren.

Im »Schattenbericht Kindersoldaten 2013« wird diese Praktik ebenfalls kritisiert und auch darauf aufmerksam gemacht, dass die rechtliche Regelung, nach der Minderjährige ihren Dienst beenden können, mehr als schwammig ist. Dort wird aus dem Jahresbericht der Jugendoffiziere 2009 zitiert, die angeben, 7245 Veranstaltungen mit 182 522 Teilnehmern durchgeführt zu haben, davon waren 160 000 Jugendliche ab 14 Jahren. Die Themen Berufsberatung und politische Bildung werden laut dem Bericht teils unkritisch Jugendoffizieren überlassen, ohne zu beachten, dass schulische Bildung neutral sein muss. Zweifelhafte Kooperationen gab es sogar schon mit Grundschulen. Dazu kommen außerschulische Angebote, die sich die Technikbegeisterung der Jugendlichen zunutze machen und die das fragwürdige Bild, das die Bundeswehr mit ihren neuen, aggressiven Werbemaßnahmen hinterlässt, komplementieren.

Auch die Lehrerausbildung ist im Fokus der Bundeswehrwerbung

In einigen Bundesländern gehören von der Bundeswehr organisierte Fahrten nach Berlin und Brüssel auch noch zum Programm der Lehrerausbildung. Sie sind für die Referendare umsonst und dienen angeblich der politischen Bildung. Der Zweck besteht natürlich darin, zukünftige Lehrkräfte für die Bundeswehr zu vereinnahmen. Je positiver sie eingestellt sind, desto wahrscheinlicher ist es, dass die Veranstaltungen der Bundeswehr an Schulen von ihnen gebucht werden. Man präsentiert sich bei solchen Fahrten kritikfähig und dialogfreudig – nur ein sehr hartnäckiger Pazifist kann die geschulten Offiziere aus der Reserve locken.

Piraten aus NRW machen mobil

In NRW haben sich die Piraten dem Thema »Bundeswehr an Schulen in NRW?« angenommen. Am 5.3.15 um 19.00 Uhr findet dazu eine öffentliche Diskussion im Mumble statt. Monika Pieper, die bildungspolitische Sprecherin der NRW-Fraktion der Piraten wird dabei sein.

Letzten Endes muss man sich doch fragen, ob Videoclips wie “Wir dienen Deutschland” der richtige Weg sind, jungen Menschen die Bundeswehr schmackhaft zu machen. Es geht nicht darum, infrage zu stellen, ob der Dienst ehrenhaft ist oder ob viele Auslandseinsätze tatsächlich humanitären Zwecken dienen, beziehungsweise ob Auslandseinsätze überhaupt notwendig oder wünschenswert sind, denn früher war die Bundeswehr eine »Verteidigungsarmee«. Diese Fragen sind komplex und führen bei diesem Artikel zu weit.

Es geht erst mal um die Frage, ob durch die beschriebenen Werbestrategien junge Menschen angesprochen werden, die diesen Dienst wirklich leisten können oder ob sie zu ganz falschen Erwartungen bei den Jugendlichen führen. Es gibt schließlich Berufe für die nicht jeder geeignet ist, etwa vergleichbar ist der Dienst als Rettungssanitäter. Ein hohes Maß an Idealismus und psychischer Stärke ist dafür notwendig. Beim Dienst in der Bundeswehr wiegt das Gehalt oder die Karrierechancen, das Risiko, das ein Auslandseinsatz bedeutet, nicht auf. Persönliche Stärke und Überzeugung sind notwendig, um einen solchen Einsatz durchzustehen. Viele Soldaten kehren aus Krisengebieten traumatisiert zurück und benötigen therapeutische Behandlungen, weil sie sich keine Gedanken gemacht haben, was auf sie zukommt, weil sie nicht geeignet waren, weil sie sich Karriere und Abenteuer erhofft hatten. Wer bezahlt die Zeche für die gewagte Werbung? Wer fühlt sich verantwortlich für das Schicksal dieser jungen Menschen? Es ist wie so oft die gesamte Gesellschaft, die die Folgen unlauterer Werbung bezahlt, aber dies ist ein weiteres Diskussionsthema.

Langsam macht sogar die Lehrergewerkschaft (GEW) mobil und kritisiert die Anwerbungspraktik der Bundeswehr.

Zum Mumble »Bundeswehr an Schulen in NRW?« am 05.03.2015, von 19.00 bis 20.30 Uhr sind alle Interessierten herzlich in den Raum Gliederung > Nordrhein-Westfalen > temporäre Räume > Fraktion eingeladen. Beteiligt euch zahlreich!

6 Kommentare zu “Bundeswehrwerbung an Schulen

  1. Schade, dass die Fraktion vor einer solchen Veranstaltung nicht besser recherchiert. Was als “Werbung für die Bundeswehr” deklariert wird, ist lediglich ein Sicherheitspolitischer Vortrag. Den Jugendoffizieren ist es sogar untersagt, explizit Werbung für die Bundeswehr zu betreiben. Gemäß Bericht der Jugendoffiziere wird “In Fragen nach beruflichen Möglichkeiten in der Bundeswehr konsequent auf die Internetseite der Karriereberatung bzw. an die regional zuständigen Karriereberater der Bundeswehr.” verwiesen.

    Liest man den Bericht der Jugendoffiziere (hier), ist die Lage an den Schulen erschreckend. Den Schülern fehlt Wissen und Interesse an internationaler Sicherheitspolitik. Speziell für NRW kann hier folgendes Zitat aus dem Bericht entnommen werden: ” Die Jugendoffiziere in Nordrhein-Westfalen stellten fest, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund, die zum Teil unmittelbar von Konflikten betroffen waren, in diesen Fällen über einen deutlich größeren Wissensschatz verfügen als ihre Mitschülerinnen und Mitschüler ohne Migrationshintergrund.”

    Das sicherheitspolitissche Bildungsniveau kann als quasi nicht vorhanden bezeichnet werden. Ebenfalls ist wenig über den Auftrag der Bundeswehr bekannt. Die Arbeit der Jugendoffiziere an Schulen soll dieses Manko ausgleichen. Der Schwerpunkt wird definitiv auf Wissensvermittlung gelegt.

    Wer also Friedensorganisationen an Schulen fordert, muss auch die Bundeswehr zulassen.

    Bei Rückfragen dürft ihr euch gern an die UG Verteidigung der AG Außen- und Sicherheitspolitik wenden. Wir sind nämlich die, die sich mit der ganzen Thematik beschäftigen. 🙂

    • Der Begleittext stammt nicht von der Fraktion, sondern wird vom Autor aus eigener Erfahrung berichtet.

  2. compl4xx

    Ich habe heute abend leider keine Zeit, ins Mumble zu schauen…

    aber ich finde, wenn man bereits die Frage behandelt, ob diese Werbung denn Jugendliche anspricht, man bereits implikativ vorraussetzt, dass man Jugendliche ansprechen will.

    das ist ziemlich scheiße, denn ich würde da mit der UN gehen und sagen, dass es grundsätzlich falsch ist, Kindersoldaten zu werben – und die weiterführende Frage, die den Rahmen sprengen würde, ist eher, ob man die Bundeswehr überhaupt noch braucht oder ob sie nicht hauptsächlich menschenfeindlichen Interessen dient.

    Die Landtagsfraktion hat nicht die Kompetenzen, die Bundeswehr als ganzes infrage zu stellen, doch die rekrutierung neuer Soldaten sollte sie kategorisch ablehnen und sich dagegen einsetzen.

  3. Christiane

    @murgpirat
    Ich muss dir leider widersprechen, denn die offiziellen Aussagen der Jugendoffiziere in dem Bericht stimmen nicht mit deren Verhalten bei der Veranstaltung überein, die ich selbst beobachtete und beschrieb. Diese Veranstaltung begann mit dem Clip, der den Schülern gezeigt wurde, und der Frage des Jugendoffiziers, ob der Clip sie selbst ansprechen würden und was sie von der Bundeswehr als Arbeitgeber hielten.
    Im zweiten Teil der offiziell an Schule vormittags stattfindenden Veranstaltung wurde Sicherheitspolitik thematisiert und zwar aus der Sicht der Bundeswehr. Ich wurde Zeugin der Tatsache, dass Anwerbung und Information nahtlos ineineinander übergingen. Dies deckt sich mit dem “Schattenbericht Kindersoldaten 2013″. Dort werden noch viel bedenklichere Veranstaltungen/Ausflüge beschrieben, die an Schulen von Jugendoffizieren durchgeführt wurden.
    Welche Quellen du persönlich glaubhafter findest, hängt sicher auch von deiner eigenen Position zu dem Thema ab. Schlecht recherchiert, ist der Artikel allerdings nicht. Er entspricht nur nicht deiner persönlichen Position.
    Und die Qualität von politischer Bildung mag auch ein Thema sein, aber keines, was Bundeswehroffizieren überlassen werden kann. Politische Bildung muss neutral sein, nur meine Meinung.

  4. Christiane

    Auf den freundlichen Hinweis eines Lesers hin, der per Email nachfragte, bestätige ich für alle Interessierten,
    dass der im Artikel beschriebene Clip zwar auf YouTube mit dem Zusatz “inoffiziell” versehen wurde, was verwirrend ist, aber an Schulen in Schleswig- Holstein an Schulen wird er eingesetzt. Dies bestätigte auch eine weitere Piratin aus dem Kreis Pinneberg, deren Sohn ihn ebenfalls in der Schule vorgeführt bekam.
    Vielen Danke für den Hinweis des Lesers !

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